60 Tage Jerewan


Armenien und seine Bewohner in Reportagen, Berichten und Bildern. Weblog einer Journalistin.

    





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60 Tage auf zwei DIN A 4-Seiten (24.12.2003)


Fuer das Studenten- und Karriereportal e-fellows.net habe ich einen Artikel ueber mein Praktikum geschrieben. Ein schneller Ueberblick mit Links zu weiteren Informationen auf 60 Tage Jerewan.

In ihrer BWL-Diplomarbeit konzipierte Stefanie Schulte, 26, ein Intranetportal fuer Lycos Europe. Im Herbst 2003 reiste sie als Praktikantin fuer drei Monate nach Jerewan und begleitete die Umsetzung des Intranets in der armenischen Entwicklungsabteilung.

Essen a la Woerterbuch

Mit knurrendem Magen, aber ratlos stehe ich im Tante Emma-Laden. Konserven, Brot, Obst, Nudeln, Gewuerze - und davor eine Theke und eine Verkaeuferin, die kein Englisch versteht. Ich krame ein paar Brocken Armenisch zusammen und verlasse den Laden mit einem Glas Erbsen und einer Tuete Spaghetti. Die Nudeln gibt es heute ohne Salz - dieses Wort habe ich in meinem Sprachfuehrer so schnell nicht gefunden.

Der erste Tag meines Praktikums in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Schnell finde ich heraus, dass das kleine Land mit rund drei Millionen Einwohnern seine uralte Sprache mitsamt eigener Schriftzeichen hingebungsvoll pflegt und gegen fremdlaendische Einfluesse abschottet. Der Reisesprachfuehrer wird zum unverzichtbaren Begleiter.

IT: Traum-Jahresgehalt 2.400 Dollar

Dennoch hinterlaesst das Ausland Spuren: Russland vor allem, wegen der Sowjetvergangenheit, aber zunehmend auch westliche Laender. Auslaendische Investoren, besonders im IT-Bereich, gelten fuer das arme Land als Ticket in eine bessere Zukunft.

Einer dieser Investoren ist mein Arbeitgeber Lycos Europe. Das deutsche Unternehmen betreibt eine Entwicklungsabteilung in der Hauptstadt, um Personalkosten zu sparen. Die armenischen Softwareentwickler setzen unter anderem das Intranetportal fuer die europaweit rund 900 Lycos-Mitarbeiter um. Da ich dieses Intranet im Rahmen meiner Diplomarbeit in Guetersloh konzipiert habe, darf ich mich als Praktikantin drei Monate lang um das Projektmanagement in Jerewan kuemmern.

Website-Tests, Videokonferenzen und Usability-Diskussionen

In fliessendem Englisch begruesst mich Hrant, der Softwareentwickler, der unser Intranet programmiert. Er ist 20 und bastelt nebenbei an seinem Informatik-Bachelor. Das Intranet ist sein erstes Projekt bei Lycos. "Fuer mich ist das die grosse Chance". Manche Lehrer verdienen hier nur 20 US-Dollar im Monat. Das macht die Jahreseinkommen von 2.400 bis 6.000 US-Dollar in der IT-Branche zu Traumgehaeltern.

Wer einen der begehrten Jobs in auslaendischen Firmen ergattert, ist in der Regel nicht nur fit in Englisch, sondern auch fachlich sehr gut ausgebildet. Das gilt fuer Armenier aber generell: In der Sowjetunion war Armenien das Zentrum der Entwicklung hochtechnisierter Waffensysteme. Entsprechend stark investierte der Staat in den Bildungssektor, und noch immer hat fast jeder in der Hauptstadt ein Uni-Diplom.

Die rund 40 Mitarbeiter von Lycos Armenien arbeiten von Montags bis Samstags, oft bis spaet in den Abend. Ich entwerfe Navigationsbaeume, teste Suchfunktionen, Foren und Eingabefelder, bespreche per Telefon, Chat und Videokonferenz offene Fragen mit deutschen Kollegen. Denn Informationen fliessen oft nur spaerlich zwischen der Zentrale in Deutschland und den armenischen Entwicklern. Hitzig diskutieren Hrant und ich ueber die Nutzerfreundlichkeit des Portals. Waehrend die Armenier in technischen Fragen extrem sattelfest sind, gilt Usability hier noch als zweitrangig.

Zum Grillen in die Berge

Am Sonntag mieten Hrant und die anderen Kollegen aus meiner Abteilung einen klapprigen Kleinbus. Es geht heraus aus der staubigen, lauten, unordentlichen Jerewaner Innenstadt, hinein in eine neblige, baumarme, atemberaubende Berglandschaft. Wir besichtigen das Kloster Geghard und seine Kapelle, die die Erbauer direkt in den Fels hineingehauen haben - sogar mit Reliefen in den Waenden. "Es gab einfach keine anderen Baumaterialien", sagt Softwareentwickler Artavazd.

Das naechste Mal halten wir in einer Schlucht, deren Waende aussehen, als haetten Riesen uebergrosse steinerne Streichhoelzer aufgestapelt, und wir packen Grillfleisch, Wein und Wodka aus. "Im Sommer grillen wir in freier Natur, so oft wir koennen".

Sporadisch fliessendes Wasser, ein Heizkoerper, 400 Dollar Miete

Gegrilltes gehoert generell zu den preiswerten Genuessen in Armenien. Eine Portion "chorowaz", Schaschlik eingerollt in Fladenbrot mit Gemuese und Salat, kostet 500 Dram - 75 Eurocent. Ein Kilo Kartoffeln bekommt man fuer rund 25 Cent. Die Tafel Schokolade fuer 45 Cent, die Tuete Fruchtsaft fuer einen Euro - eher westliches Preisniveau.

Fuer meine Innenstadt-Wohnung zahlt Lycos pro Monat 400 Dollar Miete. Und das, obwohl es fuer zwei Zimmer, Kueche und Bad zusammen nur einen kleinen Elektro-Heizkoerper gibt und frisches Wasser in diesem Stadtteil nur jeweils ein paar Stunden morgens und abends aus den Wasserhaehnen fliesst. Alles, was knapp ist oder importiert werden muss, hat seinen Preis.

Dennoch bin ich uebergluecklich, als Lycos mir erlaubt, mein Praktikum um drei Wochen zu verlaengern. Aber nach drei Monaten in Jerewan muss ich den Rueckflug antreten. Zurueck in Deutschland, werde ich vermutlich weiterhin auf die Uhr gucken, bevor ich duschen gehe. Ich werde mich aergern, dass ich fuer einen Doener drei Euro ausgeben muss. Und ich werde heftiges Heimweh haben nach den Menschen, die stolz sind auf einen 20 Jahre alten Lada und selbst unter haertesten Bedingungen nie ihren Humor verlieren.

-> www.e-fellows.net -> http://www.e-fellows.net/de/public/show/detail.php/5270

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kommentar zu 60 tage auf zwei din a 4-seiten (31.3.2004)

Stefanie schreibt: Hallo Stefan,

klar, Offshoring-Projekte wie dieses bieten immer Stoff für kontroverse Diskussionen. Ich glaube allerdings, dass ein kleines Land wie Armenien mit wenigen Rohstoffen und eher ungünstigen Bedinungen für die Landwirtschaft kaum existieren kann, wenn es keine intensiven Wirtschaftsbeziehungen zum Ausland pflegt. Unter anderem deswegen leidet Armenien ja auch so unter dem Zusammenbruch der UDSSR.

Nach meiner Einschätzung ist jede ausländische Investition in diesem Land daher ein kleiner Schritt nach vorne - zumindest halte ich dies für besser, als wenn viele der Einheimischen komplett von der Unterstützung ihrer Verwandten im Ausland abhängig sind.

Zudem bieten Arbeitgeber wie Lycos möglicherweise eine Motivation für den armenischen Staat und seine Bevölkerung, auch weiterhin in Bildung zu investieren. Denn einer der Gründe, weshalb es mit der Bildung in Armenien bergab geht, liegt einfach auch darin, dass ein langes Studium vielen Menschen dort im Moment aussichtslos erscheint.

Sicherlich ist dieses Thema noch viel facettenreicher, als es sich hier darstellen lässt und als ich es auch selbst überblicken kann. Ehrlich gesagt stelle ich mir selbst oft die Frage, in welche Richtung sich die Dinge in Armenien wohl entwickeln werden - wahrscheinlich kann nur die Zeit es zeigen.

Viele Grüße,

Stefanie
schulte-webdesign@gmx.de
Website: http://mitglied.lycos.de/stefanieschulte


kommentar zu 60 tage auf zwei din a 4-seiten (26.3.2004)

Stefan schreibt: Ich wollte nur noch ergänzen, das in Armenien in Universitäten keine Uniformen getragen werden und nach meinen Infos zumindest seit Sowietzeiten auch nie getragen wurden. Wenn überhaupt, dann in Schulen. Mit der Bildung wird das leider auch immer schlechter, weil wie Du richtig schreibst das Land ziemlich am Ende ist. Auch in Armenien kann man von 20USD nicht leben und braucht Freunde oder Familie,die im Ausland lebt, um über die Runden zu kommen.
Actarwan@yahoo.de


kommentar zu 60 tage auf zwei din a 4-seiten (25.3.2004)

Stefan schreibt: Hallo,
danke für den interessanten Artikel. Aufmerksam bin ich geworden, da ich nach Infos über Armenien gesucht habe und die Adresse flugverein-guetersloh mich an meine Heimatstadt erinnerte. Die Zustände, die Du beschreibst sind allerdings eher pervers - soll doch Lycos und alle Firmen, die dieses outsourcen zum Stein der Weisen erklären in Armenien ihre Produkte und Dienstleistungen verkaufen. Vielleicht würde es dich ja auch nicht freuen, einen Döner für 50cent zu kaufen, wenn du nur 50Dollar im Monat verdienst. Oder du wärest gar nicht böse, für ein Loch 400Euro zu zahlen, wenn du 5000 im Monat verdienst. Und wie lange mag der Lehrer für 20USD arbeiten, wenn sein Nachbar mit 20 und grünen Ohren bereits das hundertfache verdient (und das obwohl der bachelor zumindest hier keine besondere Qualifikation bedeutet) ? Lycos ist natürlich nur ein Beispiel, zeigt aber wie solche Firmen (sagen wir neutraler die Sachzwänge) den sozialen Frieden in Armenien und Europa gleichzeitig gefährden. Cool fände ich es, wenn Dein Praktikum dazu gedient hätte, in Armenien und für Armenien etwas aufzubauen aber eigentlich musstest du helfen, Arbeitsplätze hier zu vernichten, um die Arbeitskraft der Armenier besser ausbeuten zu können (die besser ausgebildet scheinen, billiger sind und auch noch sechs Tage arbeiten, ohne zu murren). Kein Vorwurf, aber die Sachlage macht doch nachdenklich. Viel Erfolg weiterhin
Stefan
Actarwan@yahoo.de


kommentar zu 60 tage auf zwei din a 4-seiten (2.2.2004)

Stefanie schreibt: Jetzt ist er auch offiziell erschienen, mein Artikel - siehe e-fellows.net!
keine@mail.de
Website: http://www.e-fellows.net/de/public/show/detail.php/5270


kommentar zu 60 tage auf zwei din a 4-seiten (24.12.2003)

Stefanie schreibt: Schoen, hier auch an diesem besonderen Tag einen neuen Kommentar zu finden ;-)! Ich hatte mich schon gefragt, ob ueber die Weihnachtstage (die hier ja so nicht stattfinden) ueberhaupt jemand mitbekommt, dass sich etwas tut in meinem Weblog... Aber zumindest wird es diese Website ja noch laenger geben - auch, wenn ich schon wieder zurueck in Deutschland bin *seufz*. (Aber wie Du sagst, ich hoffe wiederzukommen ;-)!)
keine@mail.de
Website: http://mitglied.lycos.de/stefanieschulte


kommentar zu 60 tage auf zwei din a 4-seiten (24.12.2003)

Liisa schreibt: Danke, daß Du den Bericht auch hier online gestellt hast. Schön, Dein Resümee dieser Zeit so lesen zu können. Und das klingt mir doch heftig danach, daß Armenien und die Menschen dort Dich wiedersehen werden. *s*
keine@mail.de
Website: http://www.litkara.de/tagebuch1.htm






© Stefanie Schulte | Impressum | nach oben  -> www.flugverein-guetersloh.de/armenien